Drei Fragen zum Thema Vielfalt an... Yousra Kammoun

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Wir freuen uns, dass Diversity fest in unserem Unternehmensalltag verankert ist, denn der Respekt vor der Vielfalt von Lebensweisen, Nationalitäten und Kulturen ist ein weltweit gelebtes Prinzip von Saint-Gobain. 
Zum diesjährigen Diversity-Day starten wir die Interviewserie „Drei Fragen zum Thema Vielfalt an…“ und veröffentlichen wöchentlich neue Statements verschiedener Saint-Gobain-Persönlichkeiten!

Allgemein

Steckbrief

Name: Yousra Kammoun

Funktion/ Tätigkeit: Global Playerin 

Bei Saint-Gobain seit: 07/2018

Fachlicher Hintergrund und berufliche Stationen: 

  • Maschinenbau- Studium an der Leibniz Universität Hannover
  • Trainee bei Saint-Gobain: Projekte in verschiedenen Gesellschaften und Tätigkeitsfeldern

Alter: 29

Geschlecht: Weiblich

Nationalität: Tunesisch und Deutsch

 

Interview

Warum ist Ihnen persönlich das Thema Vielfalt wichtig?

Yousra Kammoun: "Zu Beginn meines Maschinenbau-Studiums in Deutschland zeigte sich schnell, dass ich als (tunesische) Frau in der Minderheit war. Ich habe aber bis jetzt das Glück gehabt, weder Rassismus noch Sexismus erlebt zu haben. Das ist aber leider nicht für alle so. Freunde von mir haben das erlebt, und es ist unfair! Deswegen ist mir das Thema auch wirklich wichtig: Solange Ungerechtigkeiten vorhanden sind, tragen wir alle die Verantwortung, die Situation zu ändern. Zur Erinnerung: Bis vor einigen Jahrzehnten konnten Frauen in Deutschland ohne Genehmigung des Ehemannes weder arbeiten noch ein eigenes Bankkonto eröffnen. Heute kommt keiner mehr auf den Gedanken, das zu hinterfragen. Und ich freue mich auf den Tag, an dem das „Anderssein“ in unserer Gesellschaft keine Rolle mehr spielen wird. Konzentrieren wir uns jetzt schon darauf, wer der andere ist, und nicht darauf, was er ist!"

Welche Aktivitäten gibt es bei Saint-Gobain konkret, um Vielfalt zu fördern

Yousra Kammoun: "Als Trainee im Rahmen des „Global Player Programms" erlebe ich Vielfalt in vielerlei Hinsicht. So konnte ich in kurzer Zeit unterschiedliche Business Units, Produkte und Bereiche (Produktion, F&E und Vertrieb) kennenlernen. Außerdem ist ein Auslandsaufenthalt Teil des Programms. Da hat man die Möglichkeit, 6 Monate an einem der weltweiten Saint-Gobain Standorte (USA, Rumänien, Indien, Korea usw.) zu verbringen. Ich war in Paris und es war für mich eine tolle und sehr lehrreiche Erfahrung. 
Internationale Mobilität wird bei Saint-Gobain aber auch außerhalb des Trainee-Programms gefördert, auch für Mitarbeiter mit Familien. Der Austausch, der dadurch entsteht, führt zu einer optimierten Arbeitsweise und zu mehr Toleranz gegenüber andere Kulturen. Ich kann jedem, der die Chance hat, mal im Ausland zu arbeiten, nur anraten, diese zu nutzen. 

Außerdem werden bei Saint-Gobain viele Schulungen angeboten, die die Toleranz aktiv oder indirekt fördern. Ich habe zum Beispiel gerade in einem Training gelernt, wie ich mit unterschiedlichen Persönlichkeitstypen umgehen kann. Vielfalt steckt auch dort, wo man es nicht sieht. Das Ziel ist nicht ein Team zu bilden, in dem alle gleich denken, sondern die Unterschiede zu schätzen und zu schützen. Bei diesem Seminar wurde immer daran erinnert, dass Empathie der Schlüssel zur einer gesunden Kommunikation ist.   

Eine andere Initiative vom Unternehmen ist die "1+1 = 3" Initiative, bei der Väter bei der Geburt 2 zusätzliche Freistellungstage erhalten. Ich sehe zwei Botschaften hier: Väter dürfen auch von den ersten Tagen des Kindes profitieren, und Mütter kriegen die Unterstützung, die sie während dieser Zeit brauchen."

Theoretisch wissen wir vermutlich alle, dass Vielfalt erstrebenswert ist. Was macht es in der Praxis so schwer, Vielfalt auch konsequent umzusetzen? Wo sind aus Ihrer Sicht die Herausforderungen?

Yousra Kammoun: "Es gibt leider viele Faktoren, die der Heterogenität im Unternehmen entgegenwirken. Bei manchen Faktoren kann das Unternehmen nur begrenzt einen Einfluss haben. Um da etwas bewirken zu können, müssen gesellschaftliche Änderungen stattfinden, und politische Entscheidungen getroffen werden. 
Zu den Ursachen: Die größte Herausforderung stellt meiner Meinung nach die menschliche Natur dar: Der Mensch tendiert dazu, andere Menschen, die ähnlich denken und aussehen, zu bevorzugen. Das sorgt für Harmonie und ist sicherlich in bestimmten Situationen notwendig. Allerdings bringt es im Bereich der Forschung und Entwicklung zum Beispiel keinen Mehrwert, wenn alle Mitarbeiter dieselben Ideen und Sichtweisen haben. Um den Markt schnell genug zu bedienen, und im Projekt früh genug mögliche Schwierigkeiten zu erkennen, brauchen wir unterschiedliche Denkweisen. 

Ein anderer Faktor, der der Vielfalt (bezogen auf Gender) im Weg steht, ist die Art, wie die Kinder erzogen werden. Seitdem ich in Deutschland bin, werde ich oft gefragt, warum ich mich als Frau dafür entschieden habe, Ingenieurwissenschaften zu studieren. Das überrascht mich als gebürtige Tunesierin. Ich bin in einem Land aufgewachsen, in dem Frauen (verglichen mit Deutschland) zwar weniger Rechte haben, aber die Frage, warum eine Frau Ingenieurwissenschaften studiert, stellt sich kaum. Bei uns ist die Frauenquote in technischen Studiengängen deutlich höher als in Deutschland. Der Grund liegt in der Sozialisierung: Tunesien ist ein armes Land und der einzige Weg, ein „gutes" Leben zu führen, ist überhaupt eine Arbeitsstelle zu bekommen und idealerweise natürlich eine „gute" Stelle. Dafür ist in den meisten Fällen ein Studium notwendig. Außerdem müssen fast immer beide Elternteile arbeiten, um nicht in finanzielle Schwierigkeiten zu geraten. Die Konsequenz daraus ist, dass viele Eltern die Kinder, egal ob Junge oder Mädchen, mit dem gleichen Aufwand in die gleichen Berufswege „pushen". 

Aber selbst wenn Frauen technische Berufe ausüben, stoßen sie auf eine andere Herausforderung: Kindererziehung wird in unserer Gesellschaft leider immer noch vor allem als Frauen-Sache wahrgenommen. Und dadurch gelangen wir in einen Teufelskreis: 
Derzeit nimmt die Mutter in den meisten Fällen die Elternzeit. In der gleichen Zeit kommt der Mann weiter in seiner Karriere > Frauen können bestimmte Berufe mit Verantwortung nicht so gut ausüben, weil sie lange fehlen > Sie üben andere Berufe als Männer aus, und verdienen deswegen weniger > Die Eltern entscheiden sich dafür, dass die Mutter die Elternzeit nimmt."